Kuerzlich standen wir mit unserem Exemplar von „Der Schatten des Windes“ unter dem Arm bei Barnes & Noble, dem Hugendubel New Yorks, und warteten auf unser Autogramm des Autors Carlos Ruiz Zafon, der an diesem Abend zu Gast war. Waehrend wir in der Schlange warteten, fiel uns ein Buch in der Rubrik „Aktuelles“ (!) auf: American Idiot von Charles P. Pierce. Es beschaeftigt sich mit dem Phaenomen how stupidity became a virtue in the land of the free. Spannend. Was the Dead Sea sick, before it died? stand da auf der wahllos aufgeschlagenen Seite. Nochmals: die Rubrik war „Aktuelles“. Gleichen wir im Folgenden einmal ab, ob hier was dran ist! Abgesehen davon sollt Ihr natuerlich auch erfahren, wie es uns in den letzten Monaten so ergangen ist.

 

Das Jahr 2009 begann mit einer Sensation, der erfolgreichen Notwasserung des US Airways Jets auf dem Hudson. US Airways (nowadays „Hudson International“) und Cpt. Sullenberger katapultierten sich mit dieser fliegerischen Meisterleistung am 15. Januar auf saemtliche Titelblaetter und in die Kolumnen. American Hero! Der Jet hingegen „landete“ an der Pier von Battery Park City im suedwestlichen Manhattan – so ziemlich genau gegenueber unserer Wohnung in Jersey City. Melanie war zu dieser Zeit in Deutschland, waehrend ich aus der Loge im 25. Stock den Versuchen, den Airliner aus dem Fluss zu hieven, live zusehen konnte. Siehe Foto. Die Temperaturen zu diesem Zeitpunkt lagen uebrigens weit jenseits des Ertraeglichen. Nachtrag: Vor ein paar Tagen landete ein US Airways Kapitaen seine Maschine so, dass dabei die Reifen des Bugfahrwerks platzten – nur so als Randbemerkung fuer diejenigen, die sich dachten, dass US Airways vielleicht eine gute Wahl sein koennte...

 

Einige Wochen spaeter musste ich beruflich nach Dallas. Das grosse Los hiess in diesem Falle – wie haette es anders sein koennen? – „Colgate preferred carrier“, bzw. US Airways. Waehrend ich am Gate sass und wartete rollte der Colgate preferred carrier mit rauchendem Triebwerk von der Landebahn in meine Richtung und dockte – ans Nachbargate. Glueck gehabt!

 

Aber zurueck zu American Idiot. Mittlerweile wohnen wir in Manhattan, grob vis-a-vis der Wohnung in Jersey City. Der Umzug wurde von einer lokalen Spedition uebernommen. Nachdem er das Bett zusammengebaut hatte, kam uns einer der Packer strahlend entgegen – er hatte nur 4 von 8 Schrauben fuer das Gestell gebraucht. Anstatt die 4 Seitenteile auch miteinander zu verschrauben, waren diese nun nur mit den Fuessen verbunden. Haette vermutlich auch gehalten. Bis zur ersten Nacht. Das „Kommando von vorne“ kam nicht sehr gut an, es war fuer uns aber ein erhabener Moment, 3 (!) gestandene Maenner an einer (!!) Schraube zu sehen, waehrend Daniel in derselben Zeit die verbleibenden Schrauben korrigierte. Betten sind hier einfach anders...1:0 fuer Charles P. Pierce.

 

Unser Bett steht nun fest verschraubt in einem typischen doormen building im neighborhood Chelsea, 23. Strasse zwischen 10th und 11th Avenue zwischen zahlreichen Kunstgallerien. Einen Block weiter suedlich wohnt uebrigens Kate Winslet, 5 Avenues weiter im Osten steht das Flatiron Building. Doormen building bedeutet, dass es eine Rezeption gibt, einen Post-/Paketraum, ein Fitness-Studio, etc. – hat was von Hotel. Unser Apartment ist mit ca. 50qm eher klein, dafuer aber schoen teuer. Fuer deutsche Verhaeltnisse. Sagen wir mal so: fuer den Preis haetten wir in Oberursel knapp zwei komplette Stockwerke mieten koennen. Wer uns in Oberursel mal besucht hat weiss, was das bedeutet.

 

Fuer die alltaeglichen Dinge des Lebens bleiben uns im Wesentlichen 2 Destinationen: Western Beef in der 16th St (mit dem Flair eines mexikanischen Aldi vor 25 Jahren) oder Whole Foods in der 24th St (eher hochpreisig, dafuer aber sehr viel Wert auf eco, green und sustainable legend). Letzterer hat dementsprechend Produkte, die man in Deutschland z.B. auf Maerkten findet. Whole Foods gibt einen 10c Rabatt, wenn man keine Tuete braucht (aber hey, die sind hier immerhin aus Papier!). Melanie kaufte nun kuerzlich 2 oder 3 Bagels, brauchte dafuer keine Tuete, bekam aber trotzdem keine 10c Rabatt. Die Erklaerung der Verkaeuferin: „natuerlich nicht, schliesslich hast Du ja keine eigene Tuete dabei.“ Aha. American Idiot. 2:0. Dererlei ist leider sehr symptomatisch fuer diese Stadt. Den eigentlichen Sinn von eco, green, etc. versteht man nicht wirklich. Aber auch vieles andere nicht. Andere Laender, andere Sitten.

 

Was Chelsea ferner auszeichnet ist die Tatsache, dass die Maenner auf der Strasse sich eher nach Daniel umdrehen, als nach Melanie. Chelsea ist naemlich schwul. Und wie. Chelsea ist aber auch „hund“. Wer glaubt, Hunde waeren in Deutschland beliebte Haustiere, der sollte mal nach Manhattan kommen. Der Trend geht allerdings zum Kleinhund, Moepse zum Beispiel, oder auch „Puggles“, Mischungen aus Mops (pug) und Beagle. Das soll aber nicht heissen, dass man hier nicht auch Daenische Doggen halten koennte.

 

Der Mensch tendiert dazu, insbesondere die Dinge wahrzunehmen, die sich negativ gegen das Gewohnte abzeichnen. Da wir dies wissen, versuchen wir das Positive zu sehen und scheitern dennoch viel zu haeufig. Sind wir zu europaeisch fuer dieses Land? Vieles ist scheinbar „schlechter“ als in Deutschland. Das wohl beste Beispiel: die Qualitaet. Von was? Von nahezu allem. Fenster (nicht dicht), Flugzeuge (steinalt), Taschentuecher (DDR 1968), Steckdosen (es funkt sichtbar, wenn man den Stecker reinsteckt), Waschmaschinen (Waesche wird nicht sauber), Dienstleistungen (wir suchen noch danach). Gute Beratung in Geschaeften? Sehr selten. Die Sache mit der Social Security Nummer. Um den Status von Daniels Antrag abzufragen, waehlte er die Hotline-Nummer. Ein freundlicher Telefoncomputer leitete ihn durch das Menue und schon Punkt 3 status of your application sollte ihm darueber Auskunft geben, warum seine SS# nach Monaten noch immer nicht im Briefkasten lag. Das war ja einfach. Aber dann sagte der Computer ploetzlich Please enter your social security number. Aha. 3:0. Die Antwort auf diese Frage brachte uebrigens tatsaechlich erst ein weiterer Besuch beim Social Security Office, auch wenn sie nicht die war, die wir hoeren wollten: please renew your submission...Wer sich psychisch stark genug fuehlt und am eigenen Leib erleben moechte, welche Gefuehle in einem aufwallen, sollte es mit dieser (deutschen) Nummer probieren: 01805 99 66 33. Nicht erkannt? Deutsche Bahn...

 

Sprechen wir ueber ein Tabuthema, das so tabu ist, dass man es hier nicht so nennen darf, wie es eigentlich heisst: Klo. Toillette. Scheisshaus. Aber geht mens/ladies room oder bathroom nicht ohnehin viel fluessiger ueber die Lippen? Wie dem auch sei, auch hier stellt man sich die Frage „Besetzt oder frei?“. Sie beantwortet sich deutlich einfacher, als in Deutschland. Ist die Schlange bei Starbucks sehr lange, ist besetzt. Starbucks hat fast immer eine (1!) Toillette und die ist gewissermassen oeffentlich. Gibt es mehr als eine Kabine, schaut man einfach rein, ob der Thron belegt ist. Einfach reinschauen? Richtig gelesen, einfach reinschauen. Amerikanische restrooms (und das waere dann der gesellschaftlich anerkannte Ausdruck #3) weisen eine architektonisch einzigartige Leichtbauweise auf: w-e-i-t-e Spalten zwischen Tuere und Seitenwaenden. So w-e-i-t, dass manchmal sogar mehr als ein Blick durchpasst! Und da soll noch einer sagen, Amerika sei pruede – was uns zum naechsten Thema bringt. Toiletten in Deutschland schmuecken sich ja manches Mal mit Automaten der Firmen Blausiegel und Fromms. Nun, Automaten in den restrooms gibts hier auch, wenn auch der Inhalt ein anderer ist: Tylenol (Schmerzmittel), Advil (mehr Schmerzmittel), Glacier fresh (Atemfrische) und – ja! – Armbandtattoos. Kein Fromms, kein Blausiegel. Warum? Braucht man hier gar nicht, was wir wiederum aus dem Fernsehen wissen. Selten so viel Werbung fuer Viagra und andere Mittelchen gegen erektile Dysfunktion gesehen...

 

Ansonsten – und wir geben jetzt nur objektive Beobachtungen zum Besten – ist die Stadt sehr laut, ihre Bewohner auch, vergleichsweise ruecksichtslos in allen Belagen (Charles Darwin’s survival of the fittest duerfte hier entstanden sein), dreckig und vor allem sehr voll. Auf der Strasse, in der Subway, auf dem Gehweg. Eigentlich ueberall dort, wo Platz ist, bzw. vielmehr war. Und wenn man genau diesen nicht mehr hat merkt man erst, wie sehr Touristen nerven koennen. Insbesondere, wenn sie bei rot an der Ampel abrupt stehen bleiben. Don’t follow the locals befahl kuerzlich eine amerikanische Touristin ihren Kindern, als diese den Massen bei rot ueber die 5th Avenue folgen wollten.

 

Wer sich jetzt denkt „was eine furchtbare Stadt“ oder „was wohnen die eigentlich noch dort, wenn alles so schrecklich ist?“, dem sei folgendes gesagt: Big Apple hat natuerlich auch sehr positive Seiten, nur waere es vergleichsweise langweilig, ueber diese zu schreiben, bzw. diese zu lesen. Und bei weitem nicht so lustig. American Idiot wenn hier alles wie am Schnuerchen laufen wuerde? Aber gut: Was im Winter „Music under New York“ war, ist im Sommer (der sich uebrigens partout nicht einstellen will) „Sunsest on the Hudson“ – nur eine von zahllosen Moeglichkeiten, hier seine Tage, Abende und Naechte zu verbringen. Sensationelle live-Gitarrenmusik von David Ippolito jeden Freitagabend auf Pier 45. Er spielt, wir liegen im Gras, Musik, der Fluss, hinter uns die Silhoutte der Stadt mit dem Empire State Building, gegenueber Lady Liberty. Der Central Park. Burger bei Shake Shack im Madison Square Park. Cupcakes. Staubsauger mit Scheinwerfern. Das Meatpacking District mit der neu eroeffneten Highline (Spiegel gelesen?). Bruno, der 11 Wochen alte Mops unserer Nachbarn. Hey, das ist verdammt nochmal die geilste Stadt der Welt. Gleich nach Oberursel ;-). Nur 1h noerdlich der Stadt kann man seinen Tag im Gruenen verbringen, alleine (kaum zu glauben, aber wahr) im Wald, am Silvermine Lake. Auge in Auge mit der Natur. Mit nur ein wenig mehr Zeit steht einem sogar der ganze Kontinent mit all seinen Parks und Staedten, mit Wueste und Meer offen, quasi vor der Haustuere. Keine 8-10h Flug, sondern ein Katzensprung. Und? War das jetzt lustig? Eben.

 

Unser Fazit nach einem halben Jahr: Wir suchen noch nach dem so fortschrittlichen Land fuer das man es in Uebersee haelt, nach dem american dream, nach high-end und Visionen. Stattdessen finden wir – wenigstens in NYC – viel Veraltetes und schlechte Qualitaet allerorten, katastrophalen Service (wir dachten auch mal, Deutschland sei eine Servicewueste), unermesslich viel Geld neben erschuetternder Armut. Kurz ein Land, das vor 30 oder 40 Jahren sicherlich on top war, von europaeischen Laendern mittlerweile aber getoppt wurde. Und dennoch, es hat etwas, in dieser Stadt leben zu koennen. Gerade Obama’s Wahl zum Praesidenten laesst eine gewisse Hoffung auf Veraenderung aufkeimen. Hope! und Change we can believe in! vielleicht doch mehr als blosse Wahlslogans. Aber es ist ein langer, steiniger Weg und was man sich und ihm wuenscht, ist vor allem eines: lange genug im Amt bleiben zu koennen, um den Worten Taten folgen lassen zu koennen. Und waehrend Stadt und Politik, die auch hier ihre Skandale hat, vor sich hinbrodeln, leben wir uns ein, versuchen, unseren Platz zwischen 1.8 Millionen Menschen in Manhattan zu finden. Ziemlich zeitaufwendige Sache, soviel ist sicher und wir pendeln hin und her zwischen den Gemuetszustaenden, aufgeregt und gespannt, was als naechstes passiert, dem hinterher haengend, was Deutschland l(i)ebenswert gemacht hat (Brot! Maultaschen! Freunde und Familien! Das Oscheler Brunnenfest und Autos in der Allee! Spiekeroog! um nur einige zu nennen). Auf und ab, wieder und wieder, wie Ebbe und Flut. Und wenn einem dann Bruno im Hausflur entgegen gerannt kommt, weil er seinen Besitzern mal wieder entwischt ist, ist doch alles gut!

Wundert Ihr Euch eigentlich, warum diese email nur „ae“, „ue““ und „oe“ enthaelt und keine ä, ö, ü’s? Gibt’s nicht auf der amerikanischen Tastatur...

 

American Idiot. Einer geht noch: Die restrooms bei Colgate waren mit Papierhandtuchspendern ausgesattet. 2 pro Toilette, 2 Toiletten pro Stockwerk, 16 Stockwerke. Die Firma entschied sich daher fuer Go green! (auch wenn es bei weitem nicht jeder kapiert, dass Go Green eine Bedeutung hinter der Farbe gruen hat), weshalb vor kurzem die Spender gegen Foehntrockner ausgetauscht wurden. Funktionierte blendend – etwa 2 Wochen lang. Dann kam eine Rundmail die ankuendigte, dass nach diversen Reklamationen nun doch wieder ein Papierspender pro Toilette installiert werde. 4:0.

photography has not yet been updated! Sorry... ;-)